
Home
- Dokumentationen
- Fachtag "Sozialraumorientierung"
Referat Dr. Christian Reutlinger
|
|
Ein kritischer Blick:
Chancen und Grenzen der
Sozialraumorientierung
Fachtagung
Sozialraumorientierung – Chance für Mecklenburg-
Vorpommern?
Güstrow 27. Oktober 2005
Dr. Christian Reutlinger
|
Sozialraum
©chreutli@yahoo.com
Ein kritischer Blick:
Chancen und Grenzen der
Sozialraumorientierung
Fachtagung
Sozialraumorientierung – Chance für Mecklenburg-
Vorpommern?
Güstrow 27. Oktober 2005
Dr. Christian Reutlinger
I N S T I T U T F Ü R R E G I O N A L E I N N O V A T I O N
U N D S O Z I A L F O R S C H U N G e. V. Dresden
2
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
„Die Rede vom „Sozialraum“ ist in den letzten Jahren – erstens
– eine politisch immer einflussreichere Rede geworden.
Zweitens ist sie in den meisten Fällen eine Rede von der
„Benachteiligung“, den „besonderen Entwicklungs-“ oder
„Integrationsbedarfen“ der fokussierten „Sozialräume“. Die
hierbei identifizierten Territorien – Stadtteile, Quartiere,
Straßenzüge oder Wohnareale – werden also aufgrund einer
negativen Qualifizierung in den Blick genommen […]. Drittens
wird zwar immer wieder betont, dass der Terminus „Sozialraum“
nicht ausschließlich eine territoriale Dimension betonen soll […].
Ziel ist es also, nicht nur das Territorium, sondern auch die dort
angesiedelte Bevölkerungsgruppe in den Blick zu bekommen.
Und dennoch stellt das Territorium den administrativen
Ausgangspunkt sozialraumbezogener oder -orientierter
Interventionsstrategien dar“
Christian Reutlinger, Fabian Kessl und Susanne Maurer: Die Rede vom Sozialraum
– eine Einführung. In: Kessl, Fabian u.a. (Hrsg.): Handbuch Sozialraum.
Leverkusen, 2005 S. 11-27.
Sozialraumorientierung – ein kritischer Blick
„Aller Ortes findet derzeit eine erstaunliche Wiederentdeckung des Sozialraums statt und
man tut so, als sei nunmehr das Ei des Kolumbus erfunden worden“ (Prölß 2000: 141).
Sozialraumorientierung ist in Mode!
Derzeit überschwemmt eine regelrechte Flut an Publikationen zum Sozialen Raum und
zur Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit den Markt. Beinah jede Woche findet
man einen Artikel in einer Fachzeitschrift, Tagungen müssen, um aktuell zu sein, darauf
Bezug nehmen, Bücher und Sammelbände ergänzen das Thema und Beratungsinstitute
versuchen (überforderte und orientierungslose) Praktiker/-innen (von der
Jugendamtsleiterin bis zum Streetworker) auf das neue Paradigma einzustimmen.
In der Regel wird die derzeitige Diskussion zum Sozialen Raum und zur
Sozialraum(orientierung) als Raumdiskurs aufgeschlossen, indem eine Reduktion auf
Fragen zur Ausdehnung, d.h. wo beginnt ein Sozialraum, wie groß ist ein Sozialraum und
wie soll er optimal abgesteckt sein usw. stattfindet.
„Die Rede vom „Sozialraum“ ist in den letzten Jahren – erstens – eine politisch immer
einflussreichere Rede geworden. Zweitens ist sie in den meisten Fällen eine Rede von
der „Benachteiligung“, den „besonderen Entwicklungs-“ oder „Integrationsbedarfen“ der
fokussierten „Sozialräume“. Die hierbei identifizierten Territorien – Stadtteile, Quartiere,
Straßenzüge oder Wohnareale – werden also aufgrund einer negativen Qualifizierung in
den Blick genommen […]. Drittens wird zwar immer wieder betont, dass der Terminus
„Sozialraum“ nicht ausschließlich eine territoriale Dimension betonen soll […]. Ziel ist es
also, nicht nur das Territorium, sondern auch die dort angesiedelte Bevölkerungsgruppe
in den Blick zu bekommen. Und dennoch stellt das Territorium den administrativen
Ausgangspunkt sozialraumbezogener oder -orientierter Interventionsstrategien dar“
(Reutlinger u.a. 2005, S. 19).
Hinter der Sozialraumdiskussion als Raumdiskussion liegen, wie ich in der folgenden
Ausführung darstellen werde, verschiedene Gefahren. Erst mit der Analyse, was
eigentlich hinter den einzelnen Strömungen liegt, die gegenwärtig im Raum
zusammenkommen, wird die „Rede vom Sozialraum“ differenzierter und erhellender.
3
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Räumliche Praktiken in der deutschsprachigen Sozialen Arbeit
Siehe dazu ausführlich: Kessl, Fabian/Reutlinger, Christian/Maurer,
Susanne/Frey, Oliver (Hrsg.) 2005: Handbuch Sozialraum. VS-Verlag.
Wiesbaden. www.vs-verlag.de
4
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Nation, Nationalstaatlich verfasste Sozialpolitik in der
Krise
Suche nach neuen Räumen des Regierens
Diese werden in der Gemeinschaft (community)
gefunden
das Soziale rückt zugunsten der Gemeinschaft in den
Hintergrund
Nikolas Rose: Tod des Sozialen? Eine Neubestimmung der Grenzen des
Regierens. In: Bröckling u.a. (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien
zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/Main. 1996
Warnung I: Territorialisierung des Sozialen
Im Anschluss möchte ich zwei Warnungen, sowie eine grundlegende Kritik
der Sozialraumdiskussionen aussprechen.
Warnung I: Territorialisierung des Sozialen
Was beinhaltet diese Warnung? Der Nationalstaat bzw. die
nationalstaatlich verfasste Sozialpolitik gerät angesichts immer globaler
werdender Prozesse in die Krise. Deshalb braucht es neue Räume des
Regierens (unter oder oberhalb des Nationalstaates). Diese werden in der
Gemeinschaft (community) gefunden. Jedoch rückt über diese
„Territorialisierung des Sozialen“ das Soziale zugunsten der Gemeinschaft
in den Hintergrund (vgl. Rose 1996).
5
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Warnung II: Containerisierung des Sozialen bzw.
Verdinglichung des Sozialraums
Sozialraum =
Container
Der Sozialraum wird in dieser Logik als Ort zugeschnitten, an
dem die sozialen Probleme auftauchen und da sollen sie
auch gelöst werden. In der Krise des Sozialstaates wird ein
Prozess der Verdinglichung des Sozialraums dahingehend
vollzogen, die Stadtteile zu abgeschlossenen Containern von
sozialen Problemen oder nach den Worten von Richard
Sennett zu „Mülleimern des Sozialen“ im Strukturwandel der
Arbeitsgesellschaft zu machen.
Christian Reutlinger: Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe.
Kritik eines Konzepts. Leverkusen. 2005
Warnung II: Containerisierung de Sozialen – Verdinglichung des Sozialraums
Vielfach liegt hinter der Sozialraumvorstellung „absolutistische Raumverständnisse“ (Löw
2001). Die sozialgeographische Kritik liegt in der damit verbundenen Gefahr der
„Verdinglichung des Sozialraums“ (Reutlinger 2003 und insb. 2005).
„Absolutistisch meint hier, daß Raum als eigene Realität nicht als Folge menschlichen
Handelns gefasst wird. Raum wird als Synonym für Erdboden, Territorium oder Ort
verwendet.“ (Löw 2001, S. 264).
Siehe dazu ausführlich: Projekt Netzwerke im Stadtteil (Hrsg.) 2005: Grenzen des
Sozialraums. Kritik eines Konzepts – Perspektiven für Soziale Arbeit. VS-Verlag.
Wiesbaden. www.vs-verlag.de
Die Konsequenzen davon sind gravierend: Indem ein ‚Stadtteil mit besonderem
Entwicklungsbedarf‘ als ‚Sozialraum‘ definiert wird, können die Menschen darin mit einem
Mal als ‘Abgehängte’ und ‘Modernisierungsverlierer’ lokalisiert und als solche
festgeschrieben werden. Oder mit anderen Worten ist auf die Gefahr hinzuweisen, dass
in Zeiten des sozialstaatlichen Abbaus und der Integrationsschwierigkeiten, die damit
zusammenhängenden sozialen Probleme nicht sozialstaatlich gelöst, sondern in die
Quartiere der Städte hineinverlagert werden. Der Sozialraum wird als Ort zugeschnitten,
an dem die sozialen Probleme auftauchen und gelöst werden sollen. In der Krise des
Sozialstaates werden die Stadtteile zu abgeschlossenen „Containern“ (Werlen 2005) von
sozialen Problemen gemacht (vgl. Sennett 2000, S. 43). Um die Menschen aber nicht im
Sozialraum ‚einzuschließen‘, gilt es, die sozialräumlichen Bewältigungsleistungen der
Kinder und Jugendlichen und ihren Familien, die die traditionellen Ansätze in der
Unsichtbarkeit liegen lassen, in den Blick der Forschung zu stellen (vgl. Reutlinger 2002,
2003, 2004a).
6
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Raum vom Menschen her denken!
Siehe dazu ausführlich: Reutlinger, Christian 2003: Jugend, Stadt und
Raum. Sozialgeographische Grundlagen einer Sozialpädagogik des
Jugendalters. VS-Verlag. Wiesbaden. www.vs-verlag.de
7
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Eine grundlegende Kritik der aktuellen Sozialraumorientierung
Der Sozialen Arbeit kommt die Funktion zu „soziale Räume zu gestalten
und Menschen in ihrem Lebensraum zu unterstützen, zum anderen dient
es der Qualität der Einzelfallarbeit, wenn Ressourcen des sozialen
Raums genutzt bzw. systematisch solche Ressourcen aufgebaut werden,
die bei der Ausübung des gesetzlichen Auftrags den sozialen Diensten
nutzen können. Der soziale Raum kann zudem ein integrierendes
Bezugselement für verschiedene Abteilungen, Träger und Zielgruppen
darstellen. Insofern muss sich der soziale Raum auch in der Struktur
einer Organisation abbilden“ (Hinte 2003, S. 19).
Nun komme ich zur grundlegenden Kritik der aktuellen Sozialraumdiskussion. Sie liegt in
der institutionellen Verfasstheit des Raumes, indem von einer möglichen Spannung
zwischen Institution und sozialpädagogischer Intervention ausgegangen wird: Dieses
Thematisierungsverhältnis geht zurück auf die gesellschaftlich-institutionellen
Verhältnisse der industriekapitalistischen Moderne. Eine territorial bezogene Einheit des
städtischen Jugend- oder Sozialamtes war zuständig für ein bestimmtes Gebiet.
Durch ihre Intervention konstituierte sie, nach der institutionellen Logik, einen bestimmten
sozialen und damit auch physisch-materiellen Raum. Dieser hatte, angesichts des
gesellschaftlichen Rahmens der industriekapitalistischen Arbeitsgesellschaft, eine
sozialintegrative Kraft. Damit hatten die im Spannungsfeld von Institution und Sozialer
Intervention konstituierten Sozialräume einen ebenso integrativen Charakter.
An dieser institutionellen Logik – Institutionalisierte Soziale Arbeit kann über ihre
Intervention sozialintegrative Soziale Räume konstituieren – hält die gegenwärtige
Diskussion nach wie vor fest, wie das folgende Beispiel zeigt:
In der „Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ wird beispielsweise davon
ausgegangen, das die im Zuge der einfachen Modernisierung entstandenen Räume und
Räumlichkeiten unter den aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten hinderlich werden
und zu modernisieren (flexibilisieren) sind: outputorientierte Steuerung,
Produktionsorientierung, Dienstleistungskultur, Bürgerkommune und strategisches
Management lauteten die damit zusammenhängenden Devisen (vgl. KGSt 1994).
Durch die Orientierung am Sozialen Raum kann das institutionelle Denken weiter voran
getragen werden. Man geht davon aus, dass sich Soziale Arbeit über den Raum ebenso
in die zukünftige Entwicklung des sozialen Zusammenlebens, wie in die Entwicklung von
Institutionen im Rahmen von Modernisierungs- und Anpassungsprozessen, gestaltend
einbringen kann. Sozialraum(orientierung) einerseits als Lösungsstrategie sozialer
Probleme gesehen, die sich durch den Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft stellen,
andererseits auch verstärkt im Rahmen des Umbaus Sozialer Dienste und Sozialpolitik
breit thematisiert.
Nicht thematisiert wird die Frage, ob angesichts der Freisetzungstendenzen dieses
Verhältnis überhaupt noch hinreichend ist.
8
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Raum und Entwicklung zusammen denken
–
Perspektiven sozialräumlicher Projektarbeit
Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist nun gleichsam das Dach, d.h.
die gesellschaftliche Integration aller Mitglieder über Erwerbsarbeit
weggefallen. Der Sozialstaat steckt in der Krise. Damit ist nicht mehr
automatisch vom Zusammenspiel von Institution und Sozialer Intervention
auszugehen. Vielmehr – so meine These, ist von der Dialektik von Raum
und Entwicklung auszugehen, will man heute sozialraumorientiert
arbeiten. Sozialraumorientierung bedeutet, eine spezifische
sozialräumliche Haltung haben. Wichtig ist dabei auf die spezifischen
lokalen und sozialräumlichen Kontexte zu schauen.
9
Sozialraumorientierte Soziale Arbeit
©chreutli@yahoo.com
Dr. Christian Reutlinger
IRIS e.V. (INSTITUT FÜR REGIONALE
INNOVATION UND SOZIALFORSCHUNG Dresden)
Uhlandstraße 39
D-01062 Dresden
Tel: 0351 467 689 30
Fax: 0351 467 689 26
e-mail
christian.reutlinger@mailbox.tu-dresden.de
Dr. Christian Reutlinger, TU-Dresden
|
Schabernack e.V, Schabernack 70, 18273 Güstrow, Tel.: 03843/83380, Fax.: 03843/833822
|
 |
Das Schabernackgebäude - hier finden Unterricht, Tagungen und Schulungen statt
|

|